Vom Ursprung der Musik, der Sprache, des Menschen

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Soziale Strukturen

Nach Adolf Portmann ist der Mensch eine „physiologische Frühgeburt“, das heisst er durchläuft, verglichen mit den andern Säugetieren, das letzte Stadium der Schwangerschaft, nämlich das ganze erste Lebensjahr, ausserhalb des Mutterleibes. Entwicklungsgeschichtlich lässt sich das so erklären, dass das weibliche Becken und vor allem der Geburtskanal einem grösseren Kopf nicht gewachsen gewesen wäre. Nach der Geburt kommt es zu einem geradezu explosiven Wachstum der Hirnmasse; bei einem vierjährigen Kind ist sie bereits auf das Dreifache des Geburtgewichts angewachsen, und da nun die Hirnentwicklung zum grösseren Teil in der Aussenwelt stattfindet, ist die Stimulation des Gehirnwachstums durch äussere Reize viel grösser.  Adolf Portmann schreibt:

„Dass uns ein vorläufig unbekanntes Zusammenspiel von Naturfaktoren ein Jahr früher zur Welt bringt, muss im Zusammenhang damit gesehen werden, dass die wichtigsten Ei­genschaften des Menschen - die Trias Stehen, Sprechen, Denken - ­sich nur im Kontakt mit der Sozialwelt herausbilden können. Die Mitwirkung einer Menschengruppe mit ihrer Tradition ist die erste Voraussetzung für die Normalentwicklung des einzelnen Men­schen. Das ist nicht eine zufällige Kombination: Unser Sozialkontakt ist obligatorisch!

Ist die Mithilfe der Gruppe, die liebevolle Umhegung des Neugebo­renen nicht gesichert, dann entwickeln sich Haltung, Sprechen, See­lenleben und Denken in Bahnen, die nicht zur vollen Menschlichkeit führen. Auch das Aufrichten spielt sich unter der Anregung durch die Eltern ab, und der Stolz des Kindes ist deutlich, wenn es seine ersten Schritte versucht. Die Anregung dazu ist eine notwendige Voraussetzung, eine Aufgabe der Gesellschaft. Ähnlich hängen das Sprechen, d.h. die Übernahme der Wortsprache wie auch das ein­sichtige Verhalten von der Anwesenheit einer intakten Gruppe mit ihrem durch die Wortsprache bestimmten Verhalten ab.“

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Wie ist der Mensch zur Sprache gekommen?

Die Sprache ist das wohl grösste Wunder am Menschen. Als kleines, hilfloses Wesen kommt er zur Welt, und mit fünf Jahren, noch bevor wir ihn zur Schule schicken (wo er die wichtigen Dinge für das Leben erlernen soll), beherrscht er bereits das Allerwichtigste, die Sprache der Eltern, samt Grammatik, Syntax und Semantik. Wie ist das zugegangen? Ist uns die Sprache angeboren, wird sie uns göttlich eingehaucht?

Diese Fragen haben die Menschen schon im Altertum beschäftigt. So berichtet Herodot vom Pharao Psammetich II, der im 7. Jahrhundert vor Christus lebte, dieser habe, um herauszufinden, welches die älteste Sprache sei, zwei neugeborene Kinder einem Ziegenhirten übergeben mit dem Auftrag, sie zwar zu versorgen, aber niemals ein Wort zu ihnen zu sprechen. Nach zwei Jahren hätten die Kinder „bekos, bekos“ gerufen, was im Phrygischen „Brot“ bedeutet, und deshalb habe der Pharao anerkennen müssen, dass das Volk der Phryger älter sei als das der Ägypter. (Wahrscheinlich haben die Kinder eher ein meckerndes „bekbek“ gerufen, in der Sprache, die sie von den Ziegen gelernt hatten.) Noch schrecklicher ist das Experiment, das der römisch-deutsche Hohenstaufen-Kaiser Friedrich II. XE "Friedrich II" , ein Enkel Barbarossas, der im 13. Jahrhundert in Süditalien residierte, anstellte: Dieser berühmte Herrscher, der zum Ärger des Papstes die Wissenschaften und arabische Gelehrte förderte, die Künste XE "Künste"  (z.B. den Minnegesang) pflegte und selber lyrische Gedichte schrieb, liess in der Gegend von Parma ein Experiment an Kindern durchführen, um zu erfahren, welches die Sprache des Paradieses gewesen sei, ob griechisch, lateinisch oder hebräisch. Er wählte eine Anzahl verwaister Neugeborener aus und „befahl den Ammen und Pflegerinnen, sie sollten den Kindern Milch geben, sie pflegen und waschen, aber in keiner Weise mit ihnen schön tun und nicht zu ihnen sprechen.“ Aber die Kinder kamen gar nicht zum Sprechen; sie starben nach einiger Zeit, „denn sie vermochten nicht zu leben ohne das Händepatschen und das fröhliche Lachen und die Koseworte der Ammen.“

Aus unserer Zeit berichtet der Psychoanalytiker René Spitz von Beobachtungen in einem Findelhaus, wo die Kinder in den ersten drei Lebensmonaten von ihren Müttern oder einer der andern Mütter gestillt wurden.

„Während dieser drei Monate wirkten die Säuglinge wie der Durchschnitt der normalen Kinder in der Stadt, in der sich das Findelhaus befand (und standen im Test auf dem gleichen Entwicklungsstand wie diese). Nach dem dritten Monat wurden Mutter und Kind getrennt. Die Säuglinge blieben in dem Findelhaus, in dem sie körperlich in jeder Hinsicht angemessen versorgt wurden. Ernährung, Hygiene, ärztliche und medikamentöse Versorgung usw. waren so gut wie in irgend einer anderen von uns beobachteten Anstalt oder sogar besser.                            

Aber da eine einzige Schwester acht Kinder zu versorgen hatte (offiziell; in Wirklichkeit waren bis zu zwölf Kinder der Obhut einer Schwester anvertraut), mussten sie psychisch verhungern. Drastisch aus­gedrückt, sie bekamen etwa ein Zehntel der normalen affektiven Zufuhr, die sie in der üblichen Mutter-Kind-Beziehung bekommen hätten. Nach der Trennung von ihren Müttern durchliefen diese Kinder zu­nächst die Stadien des fortschreitenden Verfalls, wie er für den par­tiellen Entzug charakteristisch ist, den wir vorher beschrieben haben. Die Symptome der anaklitischen Depression folgten rasch aufeinander, und alsbald, nach der relativ kurzen Zeit von drei Monaten, zeigte sich ein neues klinisches Bild: Die Verlangsamung der Motorik kam voll zum Ausdruck; die Kinder wurden völlig passiv; sie lagen in ihren Bettchen auf dem Rücken. Sie erreichten nicht das Stadium motorischer Beherrschung, das notwendig ist, um sich in die Bauchlage zu drehen. Der Gesichtsausdruck wurde leer und oft schwachsinnig, die Koordination" der Augen liess nach.“

Diese von Spitz als „Hospitalismus“ bezeichneten Verfallserscheinungen lassen sich mindestens teilweise nicht rückgängig machen, wenn der Liebesentzug mehr als drei bis fünf Monate gedauert hat.

Dass der Schottenkönig Jakob IV (1488 bis 1513) das grausame Spiel Friedrichs II wiederholte, macht die Sache nicht besser.

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Eine neue Theorie

Nun hat der norwegische Naturwissenschaftler Björn Merker eine neue Theorie vorgestellt. Wie ich zu Beginn angedeutet habe, gibt es ausser der Sprache und der sozialen Prägung des Menschen einen weiteren Bereich mit einem klaren Unterschied zwischen Mensch und Tier, an den bisher kaum jemand gedacht hat, der aber von enormer Bedeutung ist: Es ist die Fähigkeit des Synchronisierens von Rhythmen und Klängen.

Alle heutigen Menschen können, wenn sie einen gleichbleibenden, aus blossen Schlägen bestehenden Rhythmus hören, in diesen Rhythmus ohne weiteres einstimmen. Das gilt sowohl für langsame wie schnelle Schlagrhythmen (etwa von 40 bis 200 Schlägen pro Minute). Dieser primitive Puls, die einfachste strukturelle, aber grundlegendste Eigenschaft der Musik, ermöglicht es mehreren Individuen, ihre Bewegungen und ihre Stimmen zu synchronisieren. Diese Eigenschaft ist im Tierreich äusserst selten. Nur wenige niedere Tierarten sind ebenfalls befähigt, Signale oder Laute im synchronen Chor zu koordinieren. Das Phänomen heisst dort "Leuchtturm-Effekt", weil es erstmals an tropischen Leuchtkäfern untersucht wurde, die manchmal zu Tausenden in einem Baum ihre Glühsignale aufleuchten lassen. Bei einer tropischen Frosch-Art können die Männchen synchron quaken, um das Schall-Radarsystem einer angreifenden Raubfledermaus zu stören. Aber meistens geht es darum, durch die Verstärkung des Signals Weibchen anzulocken.

Unter den höheren Tieren ist diese Fähigkeiteinzig dem Menschen vorbehalten, und wir sind uns viel zu wenig bewusst, was wir ihr zu verdanken haben. Denn nur dank ihr hat der Mensch gelernt, zu singen, zu tanzen und zu musizieren; nur dank ihr konnte die Musik überhaupt entstehen, und wahrscheinlich lernte der Mensch nur dank dieser Fähigkeit sprechen.